Sonntag, 16. Juli 2017

Zensur durch Ablenkung

Martin Holland auf heise online:

Lenke ab und herrsche: Zensur und Propaganda in China

Über die Zensur in China gibt es ein verbreitetes Bild, aber wenige Fakten. Mit innovativen Ansätzen fördert ein Harvard-Wissenschaftler jedoch immer wieder überraschende Details zutage. Die zeigen eventuell sogar die Zukunft der Zensur.

Die einzige Ausnahme nehmen die Zensoren offenbar für sich selbst in Anspruch: Kritik an ihrer Arbeit wird rigoros gelöscht. Der Führung in Peking aber geht es offenbar nicht darum, Kritik zu unterdrücken. Stattdessen würden vor allem Einträge gelöscht, die das Potenzial haben, kollektive Aktionen auszulösen, selbst wenn die der Unterstützung des Staates dienen würden. Menschen sollen sich nicht organisieren, egal zu welchem Zweck.

Kontroverse Themen werden vermieden und stattdessen unverfängliche Inhalte verbreitet. Insgesamt kommen so rund 450 Millionen von der Regierung gewünschte Einträge zusammen, haben die Forscher errechnet. Die Hälfte davon auf staatlichen Plattformen, der Rest auf privaten. Die verteilen sich aber nicht gleichmäßig übers Jahr. Stattdessen werden die Staatsbediensteten immer besonders aktiv, wenn es darum geht von Themen abzulenken. Besonderes Interesse gilt demnach hier wieder jenen Themen, aus denen kollektive Handlungen entstehen könnten.

Solange die Vertreter der Staatsführung keine Gefahr sehen, dass sich Menschen als Folge der Beiträge organisieren, werden sie nicht aktiv.