Donnerstag, 29. Juni 2017

Manipulative Faktensuche

Jens Berger auf den NachDenkSeiten:

„Faktenschlacht“ gegen Hersh – spielen wir doch mal Gericht

Seymour Hershs großer Artikel zum vermeintlichen Giftgasangriff in Syrien hat nicht nur bei Lesern der NachDenkSeiten großes Interesse hervorgerufen. Auch die umstrittenen „Faktenfinder“ der Tagesschau haben sich des Themas angenommen und riefen auch gleich die „Faktenschlacht um Chan Scheichun“ aus – eine selten dumme Formulierung, da weder Hersh noch seine Kritiker über Fakten verfügen. Es geht vielmehr um Inidzien, deren Bewertung und vor allem um subjektive Einschätzungen. Wenig überraschend ist auch, dass die Tagesschau unter dem Deckmantel der Objektivität wieder einmal sehr subjektiv die Position der westlichen Regierungen übernimmt. Wie wenig dies mit vorbildlichen Journalismus zu tun hat, zeigt ein Gedankenspiel: Tun wir doch mal so, als handele es sich hier um ein Gerichtsverfahren. Sie werden staunen. Im Anhang finden Sie auch noch einige interessante Leserzuschriften zum Thema.

Schon beinahe peinlich ist die Auswahl der angeblichen Experten, die das Faktenfinder-Team aus dem Hut zaubert, um Seymour Hersh zu diskreditieren. An erster Stelle nennt man hier „Eliot Higgins“, den man als „Investigativ-Journalisten“ vorstellt und damit auf eine Stufe mit Hersh hebt. Das ist jedoch absurd. Higgins ist ein Blogger, der sein „Wissen“ unter anderem aus Rambo-Filmen hat. Higgins „investigative Recherche“ beschränkt sich vor allem auf das Sichten von YouTube-Videos und Facebook- und Twitter-Einträgen … mit anderen Worten, er ist eher ein Durchlauferhitzer für PR als ein Journalist, der sich auf vertrauenswürdige Quellen stützt. Higgins ist kein Hersh, sondern ein Anti-Hersh. Sein Geld verdient Higgins übrigens vor allem als „Senior Fellow“ der transatlantischen Lobbyorganisation „Atlantic Council“. Als neutraler Gutachter kann er somit ganz sicher nicht gelten.

Nicht weniger skurril ist der zweite „Experte“ der Faktenfinder: James Kirchick, der vom Faktenfinder-Team neutral als Journalist, der unter anderem für die Washington Post geschrieben hat, vorgestellt wird. Kirchick ist jedoch auch „Fellow“ bei der Lobbygruppe „Foreign Policy Initiative“, die von altbekannten NeoCons wie Robert Kagan und William Kristol geleitet wird, die als „Vordenker“ der US-Kriege der Bush-Ära in die Geschichte eingingen. Progressive US-Medien wie Salon bezeichnen Kirchick daher auch als „Falken“ und „Neokonservativen“. Das Kirchick vor allem ein „Russenfresser“ ist, ist ebenfalls bekannt. Auch Kirchick taugt nicht einmal im Ansatz als neutraler Experte. Er und Higgins sind Partei und es ist schon beinahe tragisch, dass die Faktenfinder sich ebenfalls als Partei inszenieren, wo sie dem Publikum doch Neutralität und Objektivität vorgaukeln.